Verlegen schaue ich auf die Tasse, die meine Hände auf den zusammengedrückten Knien hält. Was suche ich wo, wann, was meint er? Die Erklärung für den Haken an der Decke, die Erklärung seiner Person, den Grund dafür, weshalb ich hier sitze, nur mit dem Morgenrock bekleidet? Ist er derjenige, der das invertierte Bild meiner Sehnsucht in sich trägt, der zu mir passt und mich in dem auffängt, was ich ersehne?
Info: Veröffentlicht am 27.10.2018 in der Rubrik BDSM.
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Meine Morgenroutine füllt die ersten Stunden des Tages und heute ist es wieder ein langer Tag, denn es ist Wochenende. Der Kater räkelt sich auf der Mauer im ersten für ihn erreichbaren Sonnenfleck im kleinen Garten meiner Wohnung. Der Wasserkocher blubbert, während ich mir den Morgenmantel über die frisch geduschte und noch leicht feuchte Haut streife und zubinde. Mit dem Haargummi in der Hand kippe ich das heiße Wasser in die Kanne und atme den Kaffeeduft ein. Es fehlt noch die Zeitung für eine ausgedehnte Samstagszeremonie vor den geschäftigen Handgriffen der Frühstückszubereitung, also suche ich den Schlüsselbund und trete, noch mit dem Formen des Zopfs beschäftigt, das Haargummi im Mund, auf den Hausflur.
»Das trifft sich gut. Hol auch meine Zeitung aus dem Briefkasten und bring sie hoch.« Die unerwartete Stimme dröhnt noch in meinen Ohren, als mit einem ›Pling‹ ein kleiner Schlüssel auf dem Steinfußboden vor meinen Füßen landet. Perplex drehe ich mich um, aber mein Nachbar steht nicht mehr da. Über mir verhallen seine Schritte.
Ein letztes Mal ziehe ich meine Haare durch das Gummi, lasse die Hände sinken und starre mit offenem Mund auf den Treppenabsatz, wo er gerade noch gestanden haben muss. So eine Frechheit von diesem Typen! Was bin ich, sein Dienstmädchen? Dieser befehlsgewohnte Ton. So kann er mit seinen Huren reden. Aber nicht mit mir!
Fassungslos überlege ich meinen nächsten Schritt. Ich könnte seinen Schlüssel einfach liegen lassen oder ihn in seinen Briefkasten werfen. Ich könnte ihn auch in meine Wohnung legen und er muss ihn sich dann holen. Aber bei dem Gedanken an die Auseinandersetzung, die bei allen drei Optionen folgen würde, bekomme ich weiche Knie. Ich will diesen Augen, diesem Mann am besten gar nicht begegnen.
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Du folgst der klaren Linie einer klassischen Kurzgeschichte, Sub Anna. Ich bin sofort im Geschehen. Am Anfang steht ein Konflikt. Der Konflikt wird in Deiner Geschichte gelöst, fertig. Aber Du überraschst mich mit einer Wendung am Ende, die mich in die Geschichte zieht. Du baust eine Problemstellung auf, stellst eine Frage, die Du nicht beantwortest. Die Beantwortung überlässt Du dem Leser. Geschickt gibst Du durch diesen Dreh noch einen drauf. Ich nehme also die Fragestellung nach dem Lesen mit. Sie begleitet mich.
Du beschreibst Deine Figuren differenziert. Die Frau wird durch ihre Handlungen, ihre Gedanken deutlich. Den Mann zeigst Du körperlich, detaillierter. Beide wirken auf mich wie Suchende, nicht perfekt, eher zurückhaltend, normal, nicht klischeebehaftet, menschlich. Und dann ist es wie so oft im Leben. Endlich geht mal was und dann grätscht das Schicksal so fies von der Seite rein.
Danke, Sub Anna! Ich kann mich so gut hineinversetzen... höre jedes Geräusch, stelle mir den gut beschriebenen Raum vor, den Arbeitsweg... ich war mittendrin. Dass dieser Abschied sozusagen auf dem Parkplatz das Ende zwischen diesem Dom und der Sub sein soll: nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Zu stark scheint das bereits geknüpfte, unsichtbare Band zwischen deinen Protagonisten. Gerne würde ich eine Fortsetzung lesen.
beeindruckende Zeilen! Auch ohne den direkten Verweis musst ich unweigerlich an „Suche“ denken und durfte dann einen dieser besonderen Zufälle miterleben, die das Leben ab und an mit sich bringt. Da meint man, den Menschen von Gegenüber zu kennen. Hat sich eine Meinung gebildet, weiß eigentlich, das es außer „Guten Tag“ und „Guten Weg“ nicht wirklich etwas geben wird. Ja und dann? Dann passiert was passiert. Man meint, vom Blitz getroffen zu sein. Versteht die Welt nicht mehr, spürt den Herzschlag bis in den Hals, erlebt es. So wie Deine Protagonistin es erleben durfte.
Das Ende indes stimmt mich nachdenklich, ist schon fast von Schwermut gezeichnet und zeigt ein Dilemma auf. Wie miteinander umgehen? Wie sich nach außen darstellen? Wie weit aufeinander zugehen? Wie viel vom innersten „Ich“ verraten?
Vielleicht bist Du ja mutig genug, dieses Dilemma in einer neuen Geschichte aufzugreifen. Einen Titel hätte ich schon: Leben.
Gut beschrieben, dass wir eigentlich alle 'zwei' Leben leben, das private und das öffentliche, geschäftliche... und man muss lernen, diese getrennt zu halten. "Alles in mir lehnt sich gegen die Neuigkeit auf." trifft das auf den Punkt.
Mir fehlt an dieser einfühlsam geschriebenen Stors nichts. danke!!
21.06.2023 um 20:54 Uhr
eine schöne Geschichte voller Zufälle.
Aber so spielt das Leben manschmal!
Wie funktioniert das gemeinsame Arbeiten wohl?!
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