Die Wahrheit drang in ihr Bewusstsein und manifestierte sich zu einer unüberwindbaren Mauer. Einer Mauer, die ihr Herz mit stählernem Griff umschlossen hielt. Für immer und ewig, in guten wie in schlechten Tagen, das hatten sie sich geschworen. Was blieb von diesem Versprechen?
»Ich bin ein alter Mann. Siehst du den Kellner, Sub? Er dürfte so um die Dreißig sein. Wäre er ein Dom, wäre er doch alterstechnisch perfekt für dich!«
Jana verschluckte sich beinahe an ihrem aromatischen Kaffee, als sie die Worte ihres Herrn vernahm. Wieder dieses leidige Thema, auf das er in letzter Zeit wiederholt zu sprechen kam - sein Alter. Es war nicht so, dass es ihr Herr offensichtlich tat. Nein. Er ging behutsam vor, denn er ahnte, dass seine Worte sie verletzten. Meist standen diese verheerenden Sätze in einem subtilen Zusammenhang und wurden mit einer sorglosen Leichtigkeit ausgesprochen, die in einem ambivalenten Verhältnis zu deren Schwere stand.
Missmutig kniff Jana ihre Augen zusammen und runzelte verärgert ihre Stirn. Konnte sich ihr Herr diese Spitzen nicht verkneifen? Bereitete es ihm Vergnügen, unentwegt auf ihren Altersunterschied hinzuweisen? Anfangs war er kein bedeutsames Thema zwischen ihnen. Im Gegenteil, sie scherzten darüber. Doch in den vergangenen Wochen rückte ihr Herr die größere Altersdifferenz vermehrt in den Fokus.
Jana fragte sich, warum er dies tat. Meist verbarg sie ihren Groll über seine Aussprüche hinter einem angestrengten Lächeln oder überhörte sie schlichtweg. Das ganze Verhalten ihres Herrn war seltsam, nicht nur in dieser Hinsicht.
Es war schwer, die passenden Worte für dieses wabernde Ungetüm zwischen ihnen zu finden. Der beste Vergleich fand sich in einer immer dichter werdenden Wolkendecke. Wolken, deren Weiß sich in Grau umwandelten. Wolken, die sich unaufhaltsam formierten und zu einer unheilbringenden Gewitterfront auftürmten. Je länger sie über diese Metapher nachdachte, desto trefflicher erschien sie ihr. Ob Jana eher den aufziehenden Sturm fürchtete oder die einsetzende Stille, kurz bevor sich der erste Blitz entlud, dessen war sie sich nicht sicher. Doch sie fürchtete sich.
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23.10.2022 um 01:29 Uhr
Liebe Katharina!
Ich danke dir von Herzen, doch du brauchst dich bitte nicht zu entschuldigen.
Deine Überlegungen, wie auch die der anderen User, waren und sind für mich sehr interessant und ein hilfreiches und bereicherndes Feedback. Ich verdiene mit dem Schreiben von allerlei Texten, neben meinen Kurzgeschichten, mein Geld, doch ich lerne ganz bestimmt nie aus.
Auch definiere ich als meine Autorenstärke die Emotionalität eines Textes, denn die stilistischen Mittel...:) Und auch das Lektorat der Schattenzeilen gibt so wundervolle, kompetente Rückmeldung.
Weißt du, ich schrieb diese Geschichte für die Schattenzeilen. Für die Community. Es war einerseits persönliche Aufarbeitung, andererseits wollte ich der Gemeinschaft ein Thema eingeben, das tabuisiert ist und nicht dem Mainstream entspricht.
Ich war und bin gespannt, was dieses Thema mit den Menschen macht, wie sie reagieren, denn es tangiert tiefe Bewusstseinsebenen und tiefliegende Ängste.
Irgendwie hat mich dein Kommentar dazu verleitet, mich dahingehend zu outen...:)
Denn ursprünglich wollte ich die Leser nicht wissen lassen, dass in dieser Geschichte sehr viel von mir lebt. Dieses Wissen kann einen Leser beeinflussen und mitunter eine Bewertung aus Mitleid oder Mitgefühl beschönigen.
Daher schrieb ich sie auch bewusst nicht in der Ich-Perspektive.
Doch bei dir war es intuitiv stimmig. So schrieb ich dir eine ehrliche Antwort.
Ach, es gäbe noch so viel zu sagen... Und ja, der Weg zwischen mir und diesem Dom endete seinerzeit nicht... Er ist ein herzensguter Mann. Möge er niemals dem Krebs erliegen und gesund bleiben...
Hab vielen Dank, liebe Katharina, für deine Zeit!
Julia
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